Resultat Klimakonferenz: Die verdammten Pflanzen und Tiere machen alles kaputt! Weg mit dieser Natur! Abschied von der Natur!

http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/natur/des-menschen-abschied-von-der-natur/story/19831787

Des Menschen Abschied von der Natur
Das Pariser Abkommen zum Klimaschutz markiert eine Zeitenwende im Verhältnis von Mensch und Natur.

Die Natur ist ein ständiger Kampf ums Überleben: Ein Sperber hat eine Amsel erbeutet. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

«Im Einklang mit der Natur» lautet das mit Abstand beliebteste und dümmste Schlagwort, mit dem Unternehmen für scheinbar gesunde und nachhaltige Produkte werben. Die Losung ziert nicht nur Kosmetikwerbung, Getränkedosen und Einfamilienhaus-Prospekte, sondern steht ganz allgemein für einen erdverbundenen, politisch korrekten und umweltschonenden Lebensstil.

Die Gedankenlosigkeit dieser Aussage erschliesst sich nicht auf den ersten Blick: Weshalb soll der «Einklang» mit einem Gut, das wir schützen sollen und neuerdings auch wollen, etwas Schlechtes sein? Der Wunsch ist wohl nicht schlecht, doch liegt ihm ein fehlgeleiteter Naturbegriff zugrunde.

«Im Einklang mit der Natur» bedeutet, sich zu verhalten, wie es der Natur entspricht. Dort draussen herrscht jedoch nur scheinbar Harmonie und Frieden. In einer als Idylle wahrgenommenen Moorlandschaft dominieren jene Arten, die den gegebenen Verhältnissen am besten angepasst sind. Die Stärksten setzen sich durch. So auch in den tropischen Regenwäldern, im ewigen Eis der Arktis oder in unseren heimischen Gefilden. Junge Igel, die kein Futter mehr finden, weil zu viel Konkurrenz das Feld beherrscht, werden sofort verspeist, von Mardern oder Krähen. Auch die unberührtesten, «natürlichsten» Ökosysteme sind letztlich das Ergebnis von Fressen und Gefressenwerden.

Der Mensch ist keine Ausnahme: Er hat die Werkzeuge perfektioniert, um sich durchzusetzen. Sein Drama ist, dass er sich dank überlegener Technologie überallhin ausgebreitet hat. Das ging so lange gut, bis die Globalisierung die Zerstörungswirkung vervielfachte und in weit entfernte Gebiete trug. Wenn wir heute in der Schweiz Auto fahren und damit das Klima belasten, fluten wir kollektiv Küstengebiete, ohne je in diesen Regionen gewesen zu sein.

Natürliche Masslosigkeit

Was manche Autoren als «Gier» denunzieren, dient dem Wohlbefinden und Überleben sowie der Verbreitung jeder Gattung. Genau gleich verhält sich ein Löwe in der Savanne, ein Hai unter Beutefischen, ein Bakterium, das sich in seinem Wirt einnistet und ihn krank macht. In diesem Sinn könnte die Masslosigkeit des Menschen natürlicher nicht sein.

Natur-Idealisten weisen darauf hin, dass Pflanzen und Tiere im Gegensatz zum Homo sapiens ihre Lebensgrundlagen nur in den seltensten Fällen gefährden. Aus dieser Beobachtung den Schluss zu ziehen, dass sich die Menschen «unnatürlich» verhalten, wenn sie zerstörerisch wirken, ist aber falsch: «Natur» ist ein ständiger Kampf, ein Überlebensstress, der sich daraus ergibt, dass jede Art sich vermehrt, bis sie an die Grenze ihres Biotops stösst. Die Vermehrung geht so lange weiter, bis alle Individuen einer Population knapp zu essen haben, nebst der ständigen Angst, gefressen zu werden. Es muss entsetzlich sein, als Vogel zu leben: Auch wenn sein Gesang in unseren Ohren fröhlich klingt und sein farbiges Gefieder putzig wirkt, kommt er nie aus diesem Stress heraus.

Der Mensch hingegen könnte anders leben. Er könnte sich diesem Stress entziehen, indem er den Naturverbrauch auf ein Mass reduziert, das allen genug zum Überleben gibt, ohne die Lebensgrundlagen zu zerstören. Genau dies hat die Weltgemeinschaft im zu Ende gehenden Jahr beschlossen. Mit den «Sustainable Development Goals», die im September in New York verabschiedet wurden, und dem Pariser Abkommen zum Klimaschutz vom 12. Dezember ist 2015 zu einem historischen Wendepunkt geworden: Es ist das Jahr, in dem sich die Menschheit von der Natur verabschiedet hat. Von einer Natur, die den Drang nach «immer grösser und immer mehr» in sich trägt.

Würde der Mensch weiterhin seiner ursprünglichen Prägung als Teil der Natur folgen, wäre der soeben beschlossene Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas bis 2050 nicht möglich. Um die internationalen Konventionen des Jahres 2015 umzusetzen, bedarf es eines kollektiven Willens der Nationen, der Wirtschaft, der Individuen, ihre «Gier» einzudämmen. Wir sind aufgefordert, aus uns selbst heraus, unter bewusster Missachtung bisheriger Überlebensformeln, einen neuen, bedachten Menschen zu schaffen, der nicht mehr alles Machbare auch tut: Er wird zum Beispiel auf umweltbelastende Güter und Dienstleistungen verzichten und neue Prinzipien der Verteilungsgerechtigkeit unter Berücksichtigung der planetaren Grenzen einführen.

Ein Emanzipationsschritt

Der 12. Dezember 2015 markiert den nächsten Emanzipationsschritt der Menschen nach der Französischen Revolution. Vor gut 200 Jahren begann der Siegeszug der Idee, dass alle Menschen gleich und gleichberechtigt sind. Auf 2015 zurückblickend, wird man sagen, dass die Menschheit damals begann, sich aus ihrem natürlichen Ursprung zu lösen, um der Natur als Partner gegenüberzutreten.

Die Kunst wird darin bestehen, die materiellen Bedürfnisse der Menschen in einer Kreislaufwirtschaft unterzubringen, die der Natur gleich viel zurückgibt, wie sie ihr entnimmt. Will man vermeiden, dass sich eine Ökodiktatur etabliert, die solche Prinzipien mit harter Hand durchpeitscht, muss der Mensch von der Natur Abschied nehmen und eine neue, eigene Identität ausserhalb ihres natürlichen Ursprungs finden.

Daniel Wiener ist Journalist, Kulturmanager und Präsident von Ecos und Global Infrastructure Basel.

(Tages-Anzeiger)
(Erstellt: 22.12.2015, 17:59 Uhr)

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